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Erich Meier

Haut Liebe
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Gegenlicht:
Réinventer lfamour
Leben ist begrenzt, Menschen ist das mehr oder
weniger bewusst. Ein Leben führen bedeutet dasselbe wie: eine Grenze
als Grenze zu realisieren. Die Grenze ist ein Geschehen, etwas
Dynamisches, Bewegliches zwischen innen und außen, zwischen
Aktivität und Passivität, zwischen Verstand und Sinnlichkeit
– zwischen mir und mich, zwischen
mir und dir. Zur Grenze gehört auch ihre Überschreitung. – Die Haut:
Grenzfläche des Leibes. Die „sichtbare
Seite" von uns, auch wenn sie meistens und zum größten Teil noch
weiter verhüllt wird. Das nackte Leben und seine Haut, an der sich
Kommunikation zuträgt, zur Umwelt, zu den anderen. Liebe ist ein
Ereignis an den Faltungen der Haut, wörtlich, sinnlich, symbolisch.
So könnte eine Meditation über die beiden
Substantive beginnen, die diese Gedichte überschreiben.
„Haut Liebe", sonst nichts, zwei
Wörter, drei Silben, die trotz dieser Kürze etwas wie eine
Anthropologie umschließen. Die Konnotation zur Nacktheit wird mit
ihrer Zusammenstellung (Berührung oder Anstoß) exponiert. Die Haut:
auch könnte man sie sich dabei als Ort denken, an dem sich das sonst
womöglich verschwebende Phänomen der Liebe leibhaftig kondensiert. „Liebe
ist das was übrigbleibt, wenn unsere Seelen ganz nackt sind." Der
zweite Titel, den Erich Meier seinen Gedichten vorangestellt hat,
ist geradezu eine Definition; er bringt die zusätzliche Komplikation
einer nackten Seele, nein, von unseren Seelen; jetzt noch die Haut,
die begrenzt, das heißt: zusammenhält, vermittelt, verbindet und
trennt, die Grenze, die unser wesentliches Lebensverhältnis
bedeutet. Wie auch immer sich diese Vorstellungen in den Gedichten
konkretisieren, der Titel ist Ergebnis einer ins Extrem getriebenen
Reduktion, wie auch der andere Titel eine Reduktion beschreibt,
definiert: das, was übrig bleibt. Der Weg zu dieser Reduktion sei in
wenigen Worten nachgezeichnet - denn Reduktionen haben etwas hinter
sich, sie fallen nicht einfach vom Himmel. Die Konzentration auf das
Wesentliche, auf Konkretheit, der Verzicht auf ausschweifende
Orchestrierung, ein Stilprinzip dieser Lyrik.
Erich Meier veröffentlicht seine Gedichte seit
einigen Jahren in seinem Weblog. Fast hält er einen täglichen Takt
ein, man findet immer wieder neue Texte, erkennt aber auch Phasen
gesteigerter oder minderer Intensität, den Charakter eines Tagebuchs
in Gedichtform vermitteln die Seiten in jedem Fall. Damit wird ein
Akzent auf das Autobiographische gesetzt, das sich eben auch
schreibend realisiert: das Geschehen des jeweiligen Tages durchläuft
in seiner lyrischen Verarbeitung eine sprachliche Metamorphose. Der
Weg vom Internet zum gedruckten Buch bedeutet einen immensen Sprung,
das eine Medium lebt von Spontaneität und Aktualität, das andere von
einer Intention auf Dauer. Um Augenblicke handelt es sich gleichwohl
immer noch; in der gedruckten Form sind die Gedichte nicht mehr
datiert, tragen dafür ihren Zeitkern um so deutlicher in sich selbst
sowie ihre Orte und Landschaften, die mit einem geheimen Eros immer
wieder evoziert werden, beinahe auch Einladungen zu einer Reise ins
chair du monde.
Orte oder Nichtorte? Offensichtlich pulsiert
in den Gedichten eine eigene Romanität (um einen Ausdruck Roland
Barthes abzuwandeln), ein französischer Zungenschlag, eine Färbung,
die sich der intensiven Berührung mit dieser angrenzenden Kultur
verdankt. Erich Meier erlebte seine dichterische Initialzündung in
Südfrankreich. Das Bild der Grenze findet hier eine weitere
Bedeutung; die eigene Sprache hat sich in einem freiwilligen Exil
entzündet, im Überschreiten einer Grenze und in unmittelbarem
Kontakt mit einer anderen Sprache. Eine Reihe von Dichtern, poètes
maudits, bildet die imaginäre Nachbarschaft; in Marseille ist es
insbesondere Arthur Rimbaud, dessen trunkenes Lebensschiff in der
dortigen Charité zugrunde ging. Rutebeuf, Villon, Baudelaire,
Verlaine, Aragon, eine „verdammte"
Literatur, die zu ihrer Zeit angetreten war, mit den Zwängen der
bürgerlichen Kultur zu brechen. Hervorzuheben ist, dass Erich Meier
diese Dichter in ihrer Landessprache kennen gelernt und aus dem
Gefälle zur Muttersprache seine Inspirationen geschöpft hat. Als
besonders wichtig hat sich des weiteren das Schaffen des
anarchistischen Chansonniers Léo Ferré erwiesen, dessen liedhafter
Ton den Rhythmus seiner eigenen Texte bestimmt.
Dies verweist zugleich auf eine noch ältere
Tradition, die der Trobadore.
Die Trobadore waren die Vorläufer des
Minnesangs, fahrende Dichter und Sänger, die seit dem 11.
Jahrhundert von Okzitanien aus durch Europa zogen und eine ungemein
wichtige Rolle bei der kulturellen Vermittlung zwischen den Regionen
einnahmen.
Das Wort leitet sich von trobar ab, finden,
erfinden. Sie fanden und erfanden also sprachliche Formen, neue
Klänge und Melodien für bestimmte, vorgegebene Inhalte, die
wichtigste Form war die Aubade, später auch Alba oder Aube genannt
(nach der Morgenröte), zu deutsch: Morgen- oder Tagelied. Während es
im Minnesang um ewig unerfüllte Liebe geht, wird hier der Glücksfall
besungen, eine erfüllte Nacht und der Abschied von der Geliebten am
Morgen.
Ob Zufall oder nicht, dieses Thema samt
morgendlicher Stimmung (und selbst in der von den Trobadoren
bevorzugten dreistrophigen Form à vier Zeilen) variieren die meisten
der Liebesgedichte in diesem Band auch. Sie finden und erfinden eine
Sprache konkreter, lebendiger Erfahrung im Gegenlicht einer anderen
Sprache; sie nehmen viele Motive auf, wie etwa das Unterwegssein,
Abschied, Ort- und Heimatlosigkeit, Melancholie, schmelzen diese
freilich um nach Maßgabe des inneren Erlebens, der Echtheit der
eigenen Gefühle, der Authentizität des Ausdrucks. Wohl auch darum
vermeidet Erich Meier Metaphern und uneigentliche Redewendungen,
doch ebenso schmückende Beiwörter und selbst Verben, die einen
syntaktischen Fluß bewerkstelligen würden; die einfachen, nackten
Wörter (Haupt- und Weltworte) werden in ihrem Eigengewicht quasi ins
Gegenlicht gesetzt, um ihre bisweilen schroffen Konturen und
Schatten zu zeigen.
Ein Beispiel: im Gedicht
„Reveiller" (Erwachen) erinnert schon
der Titel an die Aubade. Wörtlich kommt hierin auch ein Schatten vor
(interessanterweise eines der häufigsten Nomen bei Erich Meier);
allerdings vermisst das „lyrische
Ich" den Schatten der selbst auch abwesenden Geliebten, eine
doppelte Brechung der Abwesenheit: als habe die Frau auch ihren
Schatten mitgenommen und eben nur andere Spuren hinterlassen, ein
Aroma, ein zerknülltes Laken. Dieser lyrische Einfall ist von
unmittelbarer ästhetischer Evidenz, der nicht metaphorisch zu
verstehende Schatten fungiert dabei als etwas wie eine Chiffre für
Einsamkeit, Verlassenwerden, Sehnsucht. Das (ungenannte)
Laken: fast könnte man es seinerseits als
Chiffre für das Papier nehmen, auf dem das Gedicht seine Schatten
werfen soll, Antizipation des Schreibens, Versuchens, nach Worten
Ringens und Zerknüllens, wenn es nichts geworden ist? Außer dem
Duft, der noch im Raum schwebt, Leere und eine Erinnerung, die
Anstrengung der Vergegenwärtigung, sichtbar auf der Haut in Gestalt
von Stichen, Narben und „Wunden",
lesbar jetzt als Text, als Bedeutungsgefüge. Das Gedicht artikuliert
einen Einspruch, und zwar durch seine Form, als Lied, als Gedicht.
Das, was ist, darf nicht alles sein, etwas
fehlt dabei. Das unmögliche Glück der Romantiker ( „Das
Glück ist da, wo du nicht bist!") soll aufgebrochen werden, eine
promesse du bonheur diesseits und hiesig.
Zusammengenommen, kann man die vorliegende
Sammlung als individuelle und persönliche Fragmente einer Sprache
der Liebe nehmen. Sie erklären uns nicht, wie das Rätsel
„Liebe" zu lösen ist, was man von
Gedichten auch nicht erwarten kann. Aber sie zeigen uns, dass wir
sie täglich neu erfinden müssen. – „Était-ce donc ceci? – „Et
le rêve fraîchit." Kai Thyret
Vita
Adenauer feiert seinen letzten Geburtstag vor
dem Mauerbau, der Storch läßt mich fallen. Viel zu weit nördlich,
wenn auch in Deutschlands Südwesten. Meine frühe Dichterkarriere
endet jäh und schamvoll in der sechsten Klasse, als mich der
Deutschlehrer mein selbstverfasstes Spottlied auf ihn zur Strafe
laut singen läßt. Zu faul um wirklich zu lernen, nicht dumm genug um
es zu müssen, so reicht es doch tatsächlich zur mittelmäßigen Reife.
Kind, lerne was richtiges...
also lerne ich Kaufmann. Ein Unterfangen das
an den Versuch, einem Fisch Gesangsstunden zu geben, erinnert.
An meinem 20ten Geburtstag besteige ich einen
Sonderzug, er hält vor einer Kaserne. Der Beginn einer
fünfzehnmonatigen Charakterbildung. Dort lerne ich auch Erich Mühsam
und andere "Verdammte Dichter" kennen.
Mit 25 gebe ich meine bürgerliche Existenz auf
und gehe nach Südfrankreich. Studiere Französisch, jobbe als
Tellerwäscher, Kellner, Bademeister. Begegne Rimbaud. Verlaine.
Baudelaire, Maupassant und Ferré. Gehe weiter nach Andalusien, lerne
Spanisch und den Flamenco kennen und lieben. Höre zufällig eine alte
Aufnahme, in der Neruda aus seinen
„20
poemas" liest. Seither läßt mich die Lyrik nicht mehr los.
Warum zurück? Wegen der Liebe, es ist immer
die Liebe. Zumindest halte ich es eine Weile dafür. Vorher schreibe
ich. Währenddessen schreibe ich auch. Danach sowieso, wegen der
Narben. Nicht etwa Tagebuch, ich schreibe Briefe. Briefe aus dem
Süden, Briefe aus dem Norden. Briefe aus der Einsamkeit, an Menschen
mit denen ich einen Moment dieser Einsamkeit entfliehe. Sie ist
weiblich, die Einsamkeit.
Sie ist das Glück, sie ist der Schoß. Sie ist
die Tragik auch. An ihr klebt ein Preisschild, sie ist der Preis für
die geschriebenen Zeilen.
Seit 1999 veröffentliche ich überwiegend im
Internet, u.a. Lyrik (textgalerie.de bis 2003), seitdem nahezu
täglich Gedichte im Weblog und Übersetzungen der Chansons von Léo
Ferré. Die deutsche Léo Ferré-Website betreue ich als Herausgeber.
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