Francois Sänger, Imitator, Moderator Entertainer, Schauspieler aus Hamburg

Erich Meier

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Erich Meier

 

Haut Liebe
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Gegenlicht:

Réinventer lfamour

Leben ist begrenzt, Menschen ist das mehr oder weniger bewusst. Ein Leben führen bedeutet dasselbe wie: eine Grenze als Grenze zu realisieren. Die Grenze ist ein Geschehen, etwas Dynamisches, Bewegliches zwischen innen und außen, zwischen Aktivität und Passivität, zwischen Verstand und Sinnlichkeit – zwischen mir und mich, zwischen mir und dir. Zur Grenze gehört auch ihre Überschreitung. – Die Haut: Grenzfläche des Leibes. Die „sichtbare Seite" von uns, auch wenn sie meistens und zum größten Teil noch weiter verhüllt wird. Das nackte Leben und seine Haut, an der sich Kommunikation zuträgt, zur Umwelt, zu den anderen. Liebe ist ein Ereignis an den Faltungen der Haut, wörtlich, sinnlich, symbolisch.

So könnte eine Meditation über die beiden Substantive beginnen, die diese Gedichte überschreiben. „Haut Liebe", sonst nichts, zwei Wörter, drei Silben, die trotz dieser Kürze etwas wie eine Anthropologie umschließen. Die Konnotation zur Nacktheit wird mit ihrer Zusammenstellung (Berührung oder Anstoß) exponiert. Die Haut: auch könnte man sie sich dabei als Ort denken, an dem sich das sonst womöglich verschwebende Phänomen der Liebe leibhaftig kondensiert. „Liebe ist das was übrigbleibt, wenn unsere Seelen ganz nackt sind." Der zweite Titel, den Erich Meier seinen Gedichten vorangestellt hat, ist geradezu eine Definition; er bringt die zusätzliche Komplikation einer nackten Seele, nein, von unseren Seelen; jetzt noch die Haut, die begrenzt, das heißt: zusammenhält, vermittelt, verbindet und trennt, die Grenze, die unser wesentliches Lebensverhältnis bedeutet. Wie auch immer sich diese Vorstellungen in den Gedichten konkretisieren, der Titel ist Ergebnis einer ins Extrem getriebenen Reduktion, wie auch der andere Titel eine Reduktion beschreibt, definiert: das, was übrig bleibt. Der Weg zu dieser Reduktion sei in wenigen Worten nachgezeichnet - denn Reduktionen haben etwas hinter sich, sie fallen nicht einfach vom Himmel. Die Konzentration auf das Wesentliche, auf Konkretheit, der Verzicht auf ausschweifende Orchestrierung, ein Stilprinzip dieser Lyrik.

Erich Meier veröffentlicht seine Gedichte seit einigen Jahren in seinem Weblog. Fast hält er einen täglichen Takt ein, man findet immer wieder neue Texte, erkennt aber auch Phasen gesteigerter oder minderer Intensität, den Charakter eines Tagebuchs in Gedichtform vermitteln die Seiten in jedem Fall. Damit wird ein Akzent auf das Autobiographische gesetzt, das sich eben auch schreibend realisiert: das Geschehen des jeweiligen Tages durchläuft in seiner lyrischen Verarbeitung eine sprachliche Metamorphose. Der Weg vom Internet zum gedruckten Buch bedeutet einen immensen Sprung, das eine Medium lebt von Spontaneität und Aktualität, das andere von einer Intention auf Dauer. Um Augenblicke handelt es sich gleichwohl immer noch; in der gedruckten Form sind die Gedichte nicht mehr datiert, tragen dafür ihren Zeitkern um so deutlicher in sich selbst sowie ihre Orte und Landschaften, die mit einem geheimen Eros immer wieder evoziert werden, beinahe auch Einladungen zu einer Reise ins chair du monde.

Orte oder Nichtorte? Offensichtlich pulsiert in den Gedichten eine eigene Romanität (um einen Ausdruck Roland Barthes abzuwandeln), ein französischer Zungenschlag, eine Färbung, die sich der intensiven Berührung mit dieser angrenzenden Kultur verdankt. Erich Meier erlebte seine dichterische Initialzündung in Südfrankreich. Das Bild der Grenze findet hier eine weitere Bedeutung; die eigene Sprache hat sich in einem freiwilligen Exil entzündet, im Überschreiten einer Grenze und in unmittelbarem Kontakt mit einer anderen Sprache. Eine Reihe von Dichtern, poètes maudits, bildet die imaginäre Nachbarschaft; in Marseille ist es insbesondere Arthur Rimbaud, dessen trunkenes Lebensschiff in der dortigen Charité zugrunde ging. Rutebeuf, Villon, Baudelaire, Verlaine, Aragon, eine verdammte" Literatur, die zu ihrer Zeit angetreten war, mit den Zwängen der bürgerlichen Kultur zu brechen. Hervorzuheben ist, dass Erich Meier diese Dichter in ihrer Landessprache kennen gelernt und aus dem Gefälle zur Muttersprache seine Inspirationen geschöpft hat. Als besonders wichtig hat sich des weiteren das Schaffen des anarchistischen Chansonniers Léo Ferré erwiesen, dessen liedhafter Ton den Rhythmus seiner eigenen Texte bestimmt.

Dies verweist zugleich auf eine noch ältere Tradition, die der Trobadore.

Die Trobadore waren die Vorläufer des Minnesangs, fahrende Dichter und Sänger, die seit dem 11. Jahrhundert von Okzitanien aus durch Europa zogen und eine ungemein wichtige Rolle bei der kulturellen Vermittlung zwischen den Regionen einnahmen.

Das Wort leitet sich von trobar ab, finden, erfinden. Sie fanden und erfanden also sprachliche Formen, neue Klänge und Melodien für bestimmte, vorgegebene Inhalte, die wichtigste Form war die Aubade, später auch Alba oder Aube genannt (nach der Morgenröte), zu deutsch: Morgen- oder Tagelied. Während es im Minnesang um ewig unerfüllte Liebe geht, wird hier der Glücksfall besungen, eine erfüllte Nacht und der Abschied von der Geliebten am Morgen.

Ob Zufall oder nicht, dieses Thema samt morgendlicher Stimmung (und selbst in der von den Trobadoren bevorzugten dreistrophigen Form à vier Zeilen) variieren die meisten der Liebesgedichte in diesem Band auch. Sie finden und erfinden eine Sprache konkreter, lebendiger Erfahrung im Gegenlicht einer anderen Sprache; sie nehmen viele Motive auf, wie etwa das Unterwegssein, Abschied, Ort- und Heimatlosigkeit, Melancholie, schmelzen diese freilich um nach Maßgabe des inneren Erlebens, der Echtheit der eigenen Gefühle, der Authentizität des Ausdrucks. Wohl auch darum vermeidet Erich Meier Metaphern und uneigentliche Redewendungen, doch ebenso schmückende Beiwörter und selbst Verben, die einen syntaktischen Fluß bewerkstelligen würden; die einfachen, nackten Wörter (Haupt- und Weltworte) werden in ihrem Eigengewicht quasi ins Gegenlicht gesetzt, um ihre bisweilen schroffen Konturen und Schatten zu zeigen.

Ein Beispiel: im Gedicht „Reveiller" (Erwachen) erinnert schon der Titel an die Aubade. Wörtlich kommt hierin auch ein Schatten vor (interessanterweise eines der häufigsten Nomen bei Erich Meier); allerdings vermisst das „lyrische Ich" den Schatten der selbst auch abwesenden Geliebten, eine doppelte Brechung der Abwesenheit: als habe die Frau auch ihren Schatten mitgenommen und eben nur andere Spuren hinterlassen, ein Aroma, ein zerknülltes Laken. Dieser lyrische Einfall ist von unmittelbarer ästhetischer Evidenz, der nicht metaphorisch zu verstehende Schatten fungiert dabei als etwas wie eine Chiffre für Einsamkeit, Verlassenwerden, Sehnsucht. Das (ungenannte)

Laken: fast könnte man es seinerseits als Chiffre für das Papier nehmen, auf dem das Gedicht seine Schatten werfen soll, Antizipation des Schreibens, Versuchens, nach Worten Ringens und Zerknüllens, wenn es nichts geworden ist? Außer dem Duft, der noch im Raum schwebt, Leere und eine Erinnerung, die Anstrengung der Vergegenwärtigung, sichtbar auf der Haut in Gestalt von Stichen, Narben und Wunden", lesbar jetzt als Text, als Bedeutungsgefüge. Das Gedicht artikuliert einen Einspruch, und zwar durch seine Form, als Lied, als Gedicht.

Das, was ist, darf nicht alles sein, etwas fehlt dabei. Das unmögliche Glück der Romantiker (Das Glück ist da, wo du nicht bist!") soll aufgebrochen werden, eine promesse du bonheur diesseits und hiesig.

Zusammengenommen, kann man die vorliegende Sammlung als individuelle und persönliche Fragmente einer Sprache der Liebe nehmen. Sie erklären uns nicht, wie das Rätsel „Liebe" zu lösen ist, was man von Gedichten auch nicht erwarten kann. Aber sie zeigen uns, dass wir sie täglich neu erfinden müssen. – „Était-ce donc ceci? – „Et le rêve fraîchit." Kai Thyret

Vita

Adenauer feiert seinen letzten Geburtstag vor dem Mauerbau, der Storch läßt mich fallen. Viel zu weit nördlich, wenn auch in Deutschlands Südwesten. Meine frühe Dichterkarriere endet jäh und schamvoll in der sechsten Klasse, als mich der Deutschlehrer mein selbstverfasstes Spottlied auf ihn zur Strafe laut singen läßt. Zu faul um wirklich zu lernen, nicht dumm genug um es zu müssen, so reicht es doch tatsächlich zur mittelmäßigen Reife. Kind, lerne was richtiges...

also lerne ich Kaufmann. Ein Unterfangen das an den Versuch, einem Fisch Gesangsstunden zu geben, erinnert.

An meinem 20ten Geburtstag besteige ich einen Sonderzug, er hält vor einer Kaserne. Der Beginn einer fünfzehnmonatigen Charakterbildung. Dort lerne ich auch Erich Mühsam und andere "Verdammte Dichter" kennen.

Mit 25 gebe ich meine bürgerliche Existenz auf und gehe nach Südfrankreich. Studiere Französisch, jobbe als Tellerwäscher, Kellner, Bademeister. Begegne Rimbaud. Verlaine. Baudelaire, Maupassant und Ferré. Gehe weiter nach Andalusien, lerne Spanisch und den Flamenco kennen und lieben. Höre zufällig eine alte Aufnahme, in der Neruda aus seinen 20 poemas" liest. Seither läßt mich die Lyrik nicht mehr los.

Warum zurück? Wegen der Liebe, es ist immer die Liebe. Zumindest halte ich es eine Weile dafür. Vorher schreibe ich. Währenddessen schreibe ich auch. Danach sowieso, wegen der Narben. Nicht etwa Tagebuch, ich schreibe Briefe. Briefe aus dem Süden, Briefe aus dem Norden. Briefe aus der Einsamkeit, an Menschen mit denen ich einen Moment dieser Einsamkeit entfliehe. Sie ist weiblich, die Einsamkeit.

Sie ist das Glück, sie ist der Schoß. Sie ist die Tragik auch. An ihr klebt ein Preisschild, sie ist der Preis für die geschriebenen Zeilen.

Seit 1999 veröffentliche ich überwiegend im Internet, u.a. Lyrik (textgalerie.de bis 2003), seitdem nahezu täglich Gedichte im Weblog und Übersetzungen der Chansons von Léo Ferré. Die deutsche Léo Ferré-Website betreue ich als Herausgeber.

 

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